LIMESWANDERUNG IM ODENWALD

Wandertipp / Radtour mit dem Mountainbike

Grundlage: Odenwälder Wanderungen von Walter Rügner, Band 2
©1995 Südwestdeutsche Verlagsanstalt GmbH & Co., Mannheim.
ISBN 3-87804-250-7


Auf den Spuren des Grafen Franz

Ausgangsort: Erbach
Anfahrt: DA 55 km, F/OF 80 km, HD 55 km, MA/LU 75 km
Öffentliche Verkehrsmittel ! ( Bahn , Bus , Natourbus )
Gehzeit: 4 - 5 Stunden, etwas kürzer als Radtour mit geschildertem Umweg über Breitenbuch
  
Einkehr: Ernsbach, Würzberg, Bullauer Bild

 


Der Name Erbach ist auf den Erdbach zurückzuführen; dieser kleine Wasserlauf mündet bei der Stadt in die Mümling und unterscheidet sich von allen anderen Odenwaldbächen dadurch, daß er zwischen Stockheim und Dorf Erbach seit altersher unterirdisch verläuft.

Auf die Erklärung des Ortsnamens muß gerechterweise sofort die Vorstellung des Grafen Franz I. von Erbach-Erbach folgen. Niemand hat mehr für unseren Ort getan als dieser von 1754 bis 1823 lebende Feudalherr. Er rief die Elfenbeinschnitzerei ins Leben, arbeitete selbst an der Werkbank und war der erste Innungsmeister dieses Handwerks, das trotz der drastisch verschärften Artenschutzbestimmungen heute noch existiert, weil man sich sehr flexibel auf die Verarbeitung von Büffelhorn, Bernstein und Fossilien, etwa 10.000 Jahre alten sibirischen Mammutstoßzähnen umgestellt hat.

Erbach besitzt ein Elfenbein-Museum und das benachbarte Michelstadt die einzige deutsche Fachschule für dieses Gewerbe. Das antikisierte Standbild des Grafen treffen wir vor dem in Barock und Renaissance erbauten Schloß; hinter ihm ragt der Turm der ursprünglichen mittelalterlichen Wasserburg auf, der 1497 seinen wahrzeichenhaften spitzen Schieferheim erhielt.

Obwohl nicht Bauherr, hat Graf Franz doch das Schloß durch seine Sammlungen geprägt. Es herrscht dort keine Langeweile, alles ist interessant: Die Geweih-Sammlung mit Abnormitäten, das Feuerwaffen-Museum, die Hirschgalerie mit einer im 17. Jahrhundert geschnitzten Decke aus dem schwäbischen Kloster Rot, das im Erbgang an das Erbacher Adelsgeschlecht fiel, sowie der Rittersaal mit seinen schönen Glasfenstern und mittelalterlichen Rüstungen. Ähnliches ist mitunter auch in anderen Schlössern ausgestellt. Was Erbach jedoch zum besonderen Ereignis werden und in manchen Punkten mit den großen Museen konkurrieren läßt, sind die antiken Skulpturen, der Ortenburger Prunksattel und der Helm von Cannae.


Graf Franz war mit Leib und Seele Archäologe und Forscher. Als ihn in Italien die Nachricht vom Verlust seiner Souveränität infolge politischer Umwandlungen ereilte, ließ ihn diese Hiobsbotschaft unbeirrt, er unterbrach seine Studien deshalb nicht.

Die Nutznießer dieser Philosophie sind die heutigen Gäste, die in den "Römischen Zimmern" eine eindrucksvolle Sammlung von 34 Marmorbüsten römischer Kaiser und Feldherrn vorfinden, unter denen die von Claudius, Scipio, Tiberius, Germanicus und Sertorius hervorstechen, ferner die Grabstele des Kaisers Trajan, die Herme des Cicero und die überdimensionale Statue Hadrians. Äußerst wertvoll sind auch die Bildwerke des Alexander- und des Athletenkopfes.

Nach welchem technischen Verfahren der Meister des Ortenburger Prunksattels, Jörg Siegmann aus Augsburg, im Jahr 1555 die Schlachtenszenen erhaben aus dem spröden Eisenblech des Rahmens getrieben hat, weiß bis heute niemand. Der Sattel steht, wie vieles andere in Erbach, auf der Liste der Kunstwerke, die nicht ohne staatliche Genehmigung verkauft werden dürfen.

Das abenteuerlichste Stück der Sammlung ist jedoch der einzige auf dem Schlachtfeld von Cannae (dort, in Apulien, schlug Hannibal 216 v. Chr. die Römer durch seine neuartige Flanken-Taktik vernichtend) geborgene Helm, wahrscheinlich der eines römischen Offiziers. Er gehörte früher dem Vatikan-Museum in Rom. Wie er von dort nach Erbach kam, ist ein Geheimnis. Es wird vermutet, daß Graf Franz mit Geld nachgeholfen hat; andere Zeitgenossen sind der Meinung, er hätte den Helm durch einen besonders sprungkräftigen Jägerburschen einer steinernen Minerva aus der erhobenen Hand nehmen lassen. Nachweisbar war dieser Jägerbursche damals in Rom, und er schmuggelte auch den Heim, als Aussätziger, Bettelmönch und Buckliger verkleidet, durch alle Kontrollen sicher nach Erbach. Dort können wir ihn noch heute bestaunen, obwohl seiner Zeit der Papst heftig protestierte, obwohl das gute Stück nach dem Friedensvertrag von Versailles sogar rückgabepflichtig war, und obwohl ihm auch am Ende des 2. Weltkriegs Gefahren drohten.

Das Zusammentragen all dieser im einzelnen nicht aufzählbaren Schätze innerhalb der Spanne eines Menschenlebens stellt sicher eine beachtliche Leistung dar, auch wenn der Graf, wie man an der Heim-Geschichte sieht und im Band Odenwald Süd beim WV 10 in anderer Sache nachlesen kann, bei der Beschaffung durchaus nicht pingelig war.

DIE WANDERROUTE:

Doch nun wird es höchste Zeit, den Geruch nach Altertum und Bohnerwachs mit der frischen Luft zu vertauschen. Direkt am Schloß läuft die weiße Raute vorbei, die wir nach Osten aufnehmen. Sie schickt uns über die Mümling-Brücke und am Friedhof vorbei hinüber zum Dorf Erbach, das über die Straße nach Erbuch wieder verlassen wird.

Dann startet links der Aufstieg nach Würzberg. Er führt durch das stille Dreiseetal mit mehreren Forellengumpen, zeigt am ersten See zwei urgewaltige Riesentannen und entläßt uns nach einem kleinen Schinder auf eine landwirtschaftliche Hochfläche mit dem links im Tal liegen bleibenden Ernsbach.
Zu diesem kleinen beschaulichen Ort laufen wir im Wald an kleinen Stellen über seltsames Kopfsteinpflster: Reste einer alten Römerstrasse, die hier schon ohne Fax und Telefon den Strassenbau im Odenwald planten. Schlaue Bürger legten in Ernsbach den Löschteich als Schwimmbecken an, und bauten nebendran gleich eine kleine Gaststätte samt Spiel- und Fussballplatz. Sogar ein Parkplatz extra nur für Pferde wurde eingerichtet. Legendär in diesem Ort: Das Strassenfest am Stutz jedes Jahr im Sommer. Sogar eine eigene Schule hatte dieser Ort, geblieben ist bis heute die eigene Feuerwehr samt Einsatzfahrzeug. Von Ernsbach auszu sehen lugt auch schon der große Fernmelde-Umsetzer bei Würzberg aus dem Wald. Inmitten von Ackerbau und Viehzucht wechseln wir das Farbmal und steigen mit dem umgedrehten gelben T noch ein Stockwerk höher. Es wird im Hintergrund licht, an einer Bank am Waldrand gesellen sich das rote Dreieck sowie das ebenfalls auf dem Kopf stehende blaue T hinzu, und hundert Meter weiter sind wir schon an den ersten Häusern des 513 Meter hoch gelegenen Dorfes und damit übrigens auch in einem Zentrum der Odenwälder Fastnacht. Vorne am Eck am Sendemast findet sich die Gaststätte Römerburg und der Reiterhof Walter mit einer bewirtschafteten Reiterklause in der Halle. Mit etwas Glück ( aber vor allem abends ) bekommt man dort herrliche Brotzeiten. Der Vater bietet auch Planwagenfahrten an, Sohn Harald managt die eingestellten Pferde und seine Traktorsammlung. Dort wird gerne Auskunft bezgl. des Tips gegeben:

Radtourer biegen hier ab: Von Würzberg aus ab Jägertor den Weg über Römerbad nach Breitenbuch nehmen. Das Römerbad ist eine Ausgrabungsstätte mit Infotafeln zum Leben am Limes. VORSICHT: Hinter dem Limes gehts nun rüber nach Bayern 8-) , bzw. durch den Wald nach Breitenbuch. Dort HERRLICHER Fernblick aus einem urigen Bauerndorf über den Odenwald. Von dort Richtung Wildschweinfütterung den Weg "BALKEN" zwischen den beiden Seen hindurch nehmen. Dort füttern wir das Schwarzwild, und folgen dem "BALKEN" durch den Eutergrund / Bullau zum Bullauer Bild. Treffen wir unterwegs hier Einwohner, fragen wir Sie nach dem "Scheese-Rennen", ein kurioses, in Deutschland einmaliges Rennen das hier 2001 erstmalig stattfand. Dem Sagen nach flackerte hier in diesem Jahre 2 Wochen lang das Licht im Ort, der Zahl der Schweissgeräte war das Stromnetz nicht gewachsen.

Der Wanderer geht ab Würzberg nach der wohlverdienten Pause weiter zur Wegekreuzung am Jägertor. Dort müssen wir mit dem blauen Zeichen (später Linksabweichung) noch schnell hinübergehen zum Fundament des Limes-Wachturms auf dem roten Buckel, um dessen Restaurierung sich Erwin Wild aus Michelbach große Verdienste erwarb, er soll hier auch stellvertretend für die vielen ehrenamtlichen Heimatpfleger unseres Odenwalds genannt werden.
Zurück an der Kreuzung, schwenkt man mit dem roten Dreieck nach links. Auf einem alten Odenwälder Verbindungsweg, der Bullauer Straße, bummeln wir jetzt anstrengungslos südlich durch schönen Wald. Das Forsthaus Hubertus wird unter Hundegebell passiert, dann läuft die Trasse über oft nasse Stellen bis zu zwei Häusern (eines davon ist ein Gasthaus) am Wegesrand.

Das wenige Meter dahinter im Wald versteckte Bullauer Bild erweist sich als von einer Buche umschlungenes Stein-Marterl mit erneuerter Malerei. Im eingemeißelten Aufstellungsjahr 1561 war Erbach aber schon zum neuen Glauben übergetreten, was dem religiösen Mahnmal ein geschichtliches Fragezeichen gibt.

Mit dem weißen Strich begeben wir uns anschließend auf den Rückweg und genießen alsbald die angenehme Kehrseite der Kletterei von Erbach nach Würzberg: Der Weg schlängelt sich durch den Wald und über ein kurzes Stück Straße munter hinab zur Ausgangsbasis.

Obligatorisch ist dort auf alle Fälle noch der schöne Gang durch das ummauerte, herrlich verwinkelte Städtel. Wir unterqueren, vorbei am Pranger und der Erbacher Elle, das putzige Stadttor, berühren die Kirche von 1750, das repräsentative Templerhaus mit der Erasmus- Pforte und verschiedene Adels- oder Burgmannen-Höfe. Das kurze Geviert bis zur begrenzenden Stadtmauer ist am schönsten zur Zeit des Weihnachtsmarktes. Wird die Wanderung in der letzten Juli-Woche unternommen, dann darf man sich auch noch in den Trubel des in Erbach stattfindenden Eulbacher Marktes stürzen. Dieses große Volksfest ist im südhessischen und kurpfälzischen Raum legendär durch die alljährlichen Werbeplakate, auf denen ein Odenwälder in alter Tracht mit dem als "Nebelspalter" in die Umgangssprache eingegangenen Dreispitz abgedruckt ist.

Wer es mehr beschaulich liebt, kann heute oder beim nächsten Mal auch von der durch Erbach laufenden B 45 aus über die Abzweigung Mossautal in westlicher Richtung hinüberfahren zum Natur- und Wildpark Brudergrund mit Parkplätzen und schönen Rundspaziergängen.

Weitere Wandertipps

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